Seit anderthalb Jahren lebt der Berner Sennenhund Bingo bei Ehepaar K. Der zweijährige Rüde ist ein gemütlicher, folgsamer Hund, und seine Haltung ist völlig problemlos – außer, wenn eine läufige Hündin in der Gegend ist. Dann sitzt Bingo tagelang vor dem Haus und heult, und bei der ersten Gelegenheit entwischt er seinem Besitzer und folgt seinem Trieb ...
 
Hans-Werner K. und Bingo im Wald; Rechte: WDR (TV-Bild)

Für Hans-Werner K. stellt sich die Frage: Kastrieren oder nicht ? Der Eingriff würde seinen Hund vom Hormonstress befreien – aber wäre er dann noch ein ganzer Kerl und mutiger Wachhund? Verändert sich der Charakter eines kastrierten Hundes? Schadet man ihm nicht mit einem solchen Eingriff in seine Natur?

Diese Fragen stellen sich Hundebesitzer immer wieder. Die Antworten fallen kontrovers aus. Wir haben die wichtigsten Aspekte zusammengetragen.

 

Kastration aus tierärztlicher Sicht

Das Tierschutzgesetz verbietet operative Eingriffe an gesunden Hunden – für eine Kastration bedarf es demnach einer medizinischen Indikation. Die meisten Tierärzte legen dieses Gesetz allerdings eher weiter aus. Für viele zählen in erster Linie die Bedürfnisse ihrer Kunden – keinen Stress mit läufigen Hündinnen oder geilen Rüden, keine Blutung, keine Angst mehr vor ungewolltem Nachwuchs.

 
Hans-Werner K. bei einer Tierärztin; Rechte: WDR (TV-Bild)

Andere Tierärzte gehen vorsichtiger mit dem Eingriff ins Hundeleben um. Für sie ist Kastration nur berechtigt, wenn es im Sinne der Tiere gute Gründe dafür gibt: zum Beispiel sehr lange Läufigkeit oder Gesäugeprobleme bei den Hündinnen, besonders großer Triebstress bei den Rüden. Denn eine Kastration ist – besonders bei Hündinnen – eine mit Schmerzen verbundene, niemals ganz risikolose Operation. Gerechtfertigt sehen sie diesen Eingriff nur, wenn die Tiere hinterher ein besseres, entspannteres Leben führen. Zu operieren, um den Besitzern die Haltung leicht zu machen, ist für Tierärzte mit ethischem Hintergrund kein Argument.

 

Kastration aus tierschützerischer Sicht

Für Tierschutzvereine steht völlig außer Frage, dass möglichst jeder Hund kastriert sein sollte. Oft geben sie nur bereits kastrierte Tiere ab, manche schreiben die Kastration per Schutzvertrag vor. Ihnen geht es darum, auf alle Fälle Nachwuchs zu verhindern – denn Hunde gibt es viel zu viele, davon können Tierheime und Tierschutzvereine ein trauriges Lied singen. Viele Vereine kastrieren deshalb auch so früh wie möglich – damit die Tiere weder die Zeit haben, Triebe auszuprägen, noch den Wunsch, sie zu befriedigen.

 

Kastration aus Sicht einer Hundetrainerin

Viele Besitzer dominanter Tiere möchten ihr Tier kastrieren lassen, um hinterher einen sanfteren, gehorsameren Hund zu haben. Das, so die Trainerin, ist allerdings ein Trugschluss. Mit der Kastration legt sich nur das direkt triebgesteuerte Verhalten beim Hund. Rüden schlagen sich nicht mehr um eine Hündin, auch Pöbeleien unter „Männern“ werden weniger, die Hunde werden ruhiger und richten sich stärker auf ihren Besitzer aus.

Territoriales Verhalten, ein dominanter Charakter oder Ungehorsam gegenüber dem Besitzer verändern sich allerdings gar nicht. Erziehungsprobleme lassen sich durch eine Kastration nicht lösen, dazu gehört schon echte Arbeit.

Fazit der Hundetrainerin: Der Hundebesitzer sollte seinen Hund erst einmal auswachsen lassen. Erst dann kann er sehen, welche Züge charakterbedingt, welche triebgesteuert sind – und entscheiden, ob eine Kastration für Hund und Besitzer sinnvoll und hilfreich ist.

 

Bingo wird kastriert

Nachdem Hans-Werner K. all diese Aspekte erwogen hat, ist seine Entscheidung gefallen. Seine anderen Hunde hat er nicht kastrieren lassen – ihre Triebe waren nicht stark ausgeprägt, und es gab nie Probleme. Im Fall seines Bingos scheint ihm die Kastration sinnvoll. Der Eingriff kann dem Hund ersparen, bei jeder läufigen Hündin wochenlang zu leiden, das Futter zu verweigern und bei einem Ausreißversuch vielleicht unter das Auto zu geraten.

Hinzu kommt: Der schwere Bingo hat so viel Kraft, dass er in seinen „kopflosen“ Momenten für Hans-Werner K. und besonders für dessen Frau nur schwer zu halten ist.

Für Hund, Besitzer und heulgeplagte Nachbarn wäre die Kastration in diesem Fall eine gute Sache. Aber genau wie in Bingos Fall sollte immer individuell und sorgfältig erwogen werden, ob der Eingriff wirklich etwas bringt – nicht für den Menschen, sondern in erster Linie für das Tier!

P.S. Bingo hat die Kastration inzwischen bestens überstanden.

 
Autor:

Katja Devaux