Familie L. sah die Hündin Sort zum ersten Mal im Internet, auf den Webseiten eines spanischen Tierheims nahe des geplanten Urlaubsorts. Die Fotos zeigten ein abgemagertes Geschöpf – fast ohne Haare. Die Hündin war aus tierquälerischer Haltung befreit worden. Die kleine Elendsgestalt eroberte sofort das Herz der Familie. Als die Familie im Sommer das Tierheim besuchte, war Sort kaum wiederzuerkennen: Die Hündin hatte sich gut erholt, ihr Fell war nachgewachsen. Doch die spanischen Tierschützer informierten darüber, dass Sort Leishmaniose hat. Trotzdem reiste die Hündin mit nach Deutschland „Ich habe das so hingenommen“, sagt Andrea L. „Eine Tablette, am Tag und gut ist es“. Ihre Tierärztin sah die Sache aber weniger entspannt, und weil sie sich mit der Krankheit nicht so gut auskannte, schickte sie die Familie mit der Hündin zu einem Kollegen.
 

Leishmaniose – eine parasitäre Erkrankung

Leishmaniose wird durch den Stich der Sandmücke übertragen. Die Sandmücke ist in allen Mittelmeerländern sowie Portugal heimisch, nicht aber in Deutschland. Eine Ansteckung von Wunde zu Wunde ist zwar theoretisch möglich, aber bisher in keinem einzigen Fall nachgewiesen. Für Menschen, die auch von der Sandmücke gestochen werden können, ist die Leishmaniose aus dem Mittelmeerraum in der Regel nicht gefährlich, und, im Unterschied zu den Hunden, heilbar.

 

Bluttest

In der Regel wird Leishmaniose mit einem Bluttest nachgewiesen. Hierzu wird überprüft, ob Antikörper im Blut des Tieres vorhanden sind.

Der Bluttest im Einzelnen:

Gemessen wird der sogenannte Titer (Konzentrationsangabe von Antikörpern im Blut) – ein Begriff aus der Labormedizin. Zur Titer-Bestimmung verdünnt man das Blut und prüft, ob sich die Antikörper noch nachweisen lassen. Der letzte Verdünnungswert ist dann der angegebene Titer. Ein hoher Titer (Verhältnis 1:2.000) deutet auf eine stark Infizierung hin: Der Körper setzt sich massiv mit der Krankheit auseinander. Ein sehr niedriger Titer (Verhältnis 1:32) zum Beispiel wird oft noch als „dubios“ bezeichnet: Es ist fraglich, ob das Tier tatsächlich infiziert ist. Allerdings gibt es keine einheitlichen Werte: Jedes Labor benutzt ein eigenes System, sodass Werte verschiedener Institute nicht verglichen werden können.

Alternativ gibt es auch eine direkte Nachweismethode: Hierzu werden Lymphknoten- oder Knochenmarkspunktate entnommen. Der Nachweis ist aber schmerzhafter für das Tier, aufwendiger und deutlich teurer. Daher wird sie nur vereinzelt von Tierärzten angeboten.

Bei Sort wurden drei Bluttests gemacht. Bei allen war der Titer gleich hoch, obwohl die klinischen Symptome verschwanden und es der Hündin ganz offensichtlich immer besser ging. Die vielen unterschiedliche Symptome erschweren die Erkennung einer Leishmaniose.

Symptome für Leishmaniose sind vor allem:

  • Hautveränderungen wie Schuppen und Schorfbildung, vor allem an der Nase und an den Ohrrändern, außerdem zwischen den Ballen und an den Gelenken
  • die typische „Brillenbildung“, kahle Stellen um die Augen herum
  • Haarverlust an den Beinen bis hin zur völligen Kahlheit
  • Apathie, Abgeschlagenheit
  • Gewichtsverlust, Appetitmangel
  • schwere Durchfälle und Erbrechen
  • Bindehautentzündungen, Hornhautentzündungen
  • verstärktes Krallenwachstum
  • Nasenbluten
  • Fieber
  • Gelenkschmerzen mit Lahmheiten
  • Geschwollene Lymphknoten

Die Anzeichen können einzeln oder in unterschiedlicher Kombination auftreten, sind aber kein eindeutiger Hinweis auf die Leishmaniose, weil sie auch bei anderen Krankheiten vorkommen können. Andrea L. erging es wie vielen Besitzern von Hunden, die mit Leishmaniose infiziert sind: Mit zunehmender Information wächst eher die Unsicherheit.

 
Sort wird vom Tierarzt untersucht; Rechte: WDR (TV-Bild)

Einerseits gewöhnte Sort sich schnell an ihr neues Leben, verlor allmählich ihre Angst und wirkte keinesfalls wie ein kranker Hund. Andererseits mahnte der Tierarzt zur Vorsicht: Sort solle nicht geimpft werden, sie solle nicht mit in den Urlaub fahren, jeder Stress sei gefährlich.

 

Leishmaniose gibt immer noch Rätsel auf

icht jeder Hund, der durch einen Stich der Sandmücke mit Leishmanien infiziert wird, erkrankt auch tatsächlich. Ob die Leishmaniose ausbricht, hängt vom Immunsystem des Tieres ab. Warum bei einem die Leishmaniose ausbricht, bei einem anderen nicht, warum in einem Fall das preiswerte Allopurinol ausreicht, um die Krankheit zu unterdrücken, in einem anderen erst eine wesentlich aufwendigere Behandlung (Antimonpräparate, Miltefosin) zum Erfolg führt, wissen die Ärzte nicht. Jeder Hund setzt sich auf seine Weise mit der Krankheit auseinander. Besonders in den Ländern, in denen die Leishmaniose heimisch ist, scheinen Hunde eine gewisse Immunität gegen die Krankheit zu entwickeln. Es gibt deutlich mehr infizierte als erkrankte Tiere.

Weil sie mit der Unsicherheit und Widersprüchen nicht umgehen konnte, beschloss Andrea L., noch einmal eine andere kompetente Meinung zu Sorts Zustand einzuholen – auch in der Hoffnung, beruhigt zu werden.

 

Tierarzt Carlo Pingen

Tierarzt Carlo Pingen kennt die vielen Fragen der Besitzer infizierter Hunde. Die Zahl seiner Leishmaniose-Patienten ist innerhalb der letzten Jahre stark angestiegen. Er betreut verschiedene Tierschutzvereine, die auch Hunde aus Mittelmeerländern aufnehmen und für sie in Deutschland ein gutes Zuhause suchen. Aber nicht nur die bringen die Krankheit mit. Es infizieren sich auch Tiere deutscher Urlauber oder Ferienhausbesitzer im Süden. Dort, so Dr. Pingen, habe sich das übertragende Insekt stark vermehrt, seit der Einsatz von DDT verboten worden sei. Außerdem steche die Sandmücke häufiger Hunde an Orten, in denen die Tourismusindustrie die Landwirtschaft zurückgedrängt habe und es kaum noch Bauernhoftiere gebe.

Bei seiner Untersuchung von Sort kann Dr. Pingen keine Symptome der Leishmaniose feststellen, nur noch leichte Spuren der alten Hautveränderungen aus der Zeit, als die Krankheit heftig ausgebrochen war. Ein weiterer Bluttest wird erst in einigen Monaten nötig sein. Die Hündin macht einen guten, gesunden Eindruck. Gesund heißt aber nicht geheilt. Egal wie fit Sort ist, infiziert wird sie immer bleiben.

Leishmaniose lässt sich häufig mit den richtigen Medikamenten und stressfreier Lebensweise kontrollieren, aber nie heilen. Dr. Pingen: „Grundsätzlich ist es so, dass immunerkrankte Hunde ein Problem mit ihrem Immunsystem haben und in Folge von Immunreaktionen Sekundärerkrankungen auftreten können. Am häufigsten sind es Nierenschäden, die tödlich verlaufen können. Es gibt aber auch Fälle, in denen Tiere sich nach einem Schub vollständig erholen und dann jahrelang keine Probleme mehr bekommen.“ Warum die Bluttests bei Sort einen unverändert hohen Titer zeigen, ihr Körper sich also noch immer heftig mit der Krankheit auseinandersetzt, dafür gibt es keine schnelle Erklärung. Der Tierarzt rät, in festen Abständen einen Bluttest zu machen und die Nierenwerte kontrollieren zu lassen. Reisen, Impfung und Operationen können Stress bedeuten, das Immunsystem schwächen und einen Ausbruch der Krankheit fördern. Je besser allerdings der Allgemeinzustand von Sort ist, desto leichter wird sie mit der Leishmaniose fertig.

 
Familie L. mit Sort auf einem Sofa; Rechte: WDR (TV-Bild)

Familie L. hat nach dem Arztbesuch beschlossen, ihre Sorgen zur Seite zu legen. Sie werden Sort beobachten und – falls es zu einem Krankheitsschub kommt – die Symptome schnell erkennen und behandeln lassen. Ansonsten wollen sie mit Sort ein stressfreies, fröhliches Leben führen. Sie soll sich wohlfühlen, gutes Futter bekommen und unbeschwert spielen. All das stärkt ihr Immunsystem. Da Sort auf Katalanisch „Glück“ heißt, wollen die Familie L. einfach auf ihr Glück vertrauen. Eine Garantie ist das nicht, aber es ist das Beste, was sie für ihre kleine Hündin tun können.

Ein Tipp für Urlauber, die gerne ihren Hund mit in südliche Länder nehmen wollen: Beraten Sie sich mit Ihrem Tierarzt, denn es gibt mittlerweile leicht anwendbare Präparate, die Ihr Tier auch gegen Sandmücken schützen können.

 

Buchtipp

  • Claudia Ludwig
    Straßenhunde suchen ein Zuhause
    Über das Glück, mit Streunern zu leben – und wie es gelingt

    Kosmos, 2007
    ISBN 9783440106372
    Preis: 12,95 Euro
 
Autor:

Cornelia Baumsteiger